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Kiew setzt Moskau unter Druck
Ukrainische Gegenstöße stellen Russlands Vormarsch infrage. Doch zwischen gemeldeten Geländegewinnen und einer Wende des Krieges liegt ein erheblicher Unterschied. Die Bilanz im Südosten ist umstritten, während Angriffe auf den russischen Nachschub und die Energieinfrastruktur den Druck auf Moskau erhöhen.
Es sind nicht nur verlorene Stellungen, die eine militärische Führung unter Druck setzen. Es ist die Erkenntnis, dass ein Gegner, den man dauerhaft in die Defensive drängen wollte, wieder eigene Schwerpunkte setzen kann. Genau diese Frage stellt sich nach den ukrainischen Gegenstößen im Südosten des Landes. Kiew hat im Sommer eine umfangreiche Bilanz zurückeroberter Gebiete vorgelegt. Sie widerspricht dem Bild eines russischen Vormarsches, dem die Ukraine allenfalls Verzögerungen entgegensetzen könne. Wie groß und dauerhaft die Erfolge tatsächlich sind, bleibt allerdings umstritten.
Der Blick auf den 13. September 2026 verlangt deshalb eine doppelte Einordnung: Die im August öffentlich gemachten Geländegewinne sind das Ergebnis monatelanger Operationen und keine plötzlich gestartete Septemberoffensive. Zugleich hat sich das Gewicht der Auseinandersetzung weiter auf Nachschubwege, Rüstungsproduktion und wirtschaftliche Infrastruktur verlagert. Militärische Bewegung an einzelnen Frontabschnitten und ein zäher Abnutzungskrieg im Gesamtbild schließen einander nicht aus.
Die Bilanz des Vorstoßes
Am 12. August bezifferte Präsident Wolodymyr Selenskyj die ukrainischen Rückeroberungen im Raum Oleksandriwka auf 745 Quadratkilometer und 26 Ortschaften. Die ukrainische Militärführung ordnete diese Bilanz einer Operation zu, die vom 29. Januar bis zum 12. August gedauert habe. Betroffen seien Gebiete an der Nahtstelle der Regionen Dnipropetrowsk, Donezk und Saporischschja. Das erklärte Ziel war, russische Angriffsvorbereitungen zu stören und russische Kräfte aus der Region Dnipropetrowsk zurückzudrängen.
Damit beschreibt Kiew keinen einzigen spektakulären Durchbruch, sondern eine Abfolge von Gegenangriffen über mehr als sechs Monate. Diese zeitliche Dimension ist wesentlich. Eine Fläche, die in mehreren Operationsphasen zurückgewonnen wurde, lässt sich nicht ohne Weiteres mit dem Geländegewinn eines kurzen, konzentrierten Vorstoßes vergleichen. Ebenso wenig sagt ihre Größe allein etwas darüber aus, wie viele russische Verbände geschlagen wurden oder welche weiteren Angriffe dadurch verhindert werden konnten.
Die Formel vom größten ukrainischen Vorstoß seit drei Jahren ist daher als pauschale Tatsachenbehauptung zu weitgehend. Ein solcher Vergleich müsste Zeitraum, Operationsraum und Maßstab benennen. Insbesondere darf die ukrainische Offensive im russischen Gebiet Kursk von 2024 nicht stillschweigend ausgeblendet werden. Rückeroberungen auf ukrainischem Staatsgebiet und ein grenzüberschreitender Angriff sind verschiedene Operationen, die sich nicht zu einer eindeutigen Rangliste zusammenfassen lassen.
Der Streit um die Fläche
Die Zahl von 745 Quadratkilometern ist die Bilanz der ukrainischen Führung, keine allgemein unstrittige Vermessung dauerhaft gesicherten Territoriums. Über das Ausmaß der tatsächlichen Rückeroberungen bestehen erhebliche Differenzen. Dabei geht es nicht nur um kleinere Abweichungen auf einer Karte, sondern um die Frage, welche Flächen vorher tatsächlich von Russland kontrolliert wurden und welche anschließend zuverlässig unter ukrainischer Kontrolle standen.
Eine Grauzone, in der beide Seiten operieren können, ist kein fest besetztes Gebiet. Ebenso wenig beweist das Hissen einer Flagge in einer Ortschaft, dass diese dauerhaft gehalten, versorgt und gegen einen Gegenangriff verteidigt werden kann. Solche Demonstrationen können militärisch und politisch bedeutsam sein. Sie dürfen aber nicht automatisch wie die Rückeroberung eines gesicherten Verteidigungsabschnitts behandelt werden.
Daraus folgt weder, dass die ukrainischen Erfolge bedeutungslos wären, noch dass jede Erfolgsmeldung zutrifft. Die sachgerechte Bewertung muss zwischen örtlichen Geländegewinnen, einer verbesserten Stellung der eigenen Truppen und einem Durchbruch unterscheiden, der die Lage über den einzelnen Frontabschnitt hinaus verändert. Gerade diese Trennung schützt davor, russische Siegesgewissheit lediglich durch ukrainische Siegesgewissheit zu ersetzen.
Der Hebel liegt im Nachschub
Militärisch liegt die Bedeutung der Gegenstöße auch darin, dass sie russische Planungen erschweren. Schon im Frühjahr reagierte die russische Führung auf den Druck im südöstlichen Operationsraum mit der Verlegung zusätzlicher Kräfte. Reserven, die eine bedrohte Flanke stabilisieren müssen, stehen nicht gleichzeitig für einen Angriff an anderer Stelle zur Verfügung. Ein begrenzter ukrainischer Erfolg kann deshalb über seine unmittelbare Fläche hinauswirken.
Hinzu kommen Angriffe auf Verkehrsverbindungen, Versorgungswege und Gefechtsstände. Im Sommer gerieten insbesondere russische Nachschubverbindungen im Süden der besetzten Ukraine unter Druck. Entscheidend ist dabei nicht allein, ob ein einzelnes Fahrzeug oder Depot getroffen wird. Militärisch relevant wird eine solche Kampagne, wenn sie Transporte verzögert, Verbindungen unzuverlässig macht und die Versorgung der Front dauerhaft erschwert.
Auch die Kommunikation spielte eine Rolle. Die Einschränkung des russischen Zugangs zu Starlink im Februar traf Einheiten, die das Satellitennetz für ihre Abläufe genutzt hatten. Daraus entstanden zeitweilige ukrainische Handlungsmöglichkeiten. Eine technische Störung ersetzt allerdings weder Soldaten noch Vorbereitung, und ein einmal gewonnener Vorteil bleibt nicht automatisch erhalten. Beide Kriegsparteien passen ihre Verfahren fortlaufend an.
Ein Rückschlag, kein Kollaps
Für Moskau ist an den Gegenstößen vor allem die Aussicht problematisch, dass Russland nicht überall zugleich die Initiative behalten kann. Wer angreift und gleichzeitig seine Flanken schützen, Nachschubverbindungen sichern und Reserven bereithalten muss, steht vor schwierigen Entscheidungen. Die Erwartung eines unaufhaltsamen Vormarsches wird dadurch fragiler. Daraus lässt sich jedoch keine belegte Panik innerhalb der russischen Führung ableiten.
Russland bleibt in der Lage, an anderen Abschnitten Druck auszuüben. Schon die ukrainischen Gegenangriffe im Frühjahr zeigten zudem ein eigenes Risiko: Für offensives Handeln eingesetzte Verbände fehlen möglicherweise dort, wo sie zuvor verteidigt haben. Die Verlagerung ukrainischer Kräfte in den Süden ging damals mit zusätzlichen Schwierigkeiten an Teilen der Front im Donbass einher.
Für Kiew ist der Erhalt der Gesamtfront deshalb mindestens so wichtig wie die Rückgewinnung einzelner Orte. Ein erfolgreicher Gegenstoß verliert an Wert, wenn gleichzeitig ein anderer, militärisch wichtigerer Abschnitt geschwächt wird. Ob sich die Operation auszahlt, entscheidet sich an der Gesamtbilanz von Gelände, Verlusten, gebundenen gegnerischen Kräften und den verbleibenden eigenen Reserven.
Russlands Hinterland im Visier
Im September wird der ukrainische Druck auf Russland auch abseits der Bodenfront sichtbar. Am 11. September senkte die Internationale Energieagentur ihre Prognose für die russische Rohölförderung 2026 erneut. Sie erwartet nun durchschnittlich 8,7 Millionen Barrel pro Tag, 125.000 weniger als zuvor. Die Korrektur begründete sie mit den anhaltenden ukrainischen Drohnenangriffen auf Energieanlagen.
Diese Entwicklung ist nicht mit einem Zusammenbruch der russischen Kriegswirtschaft gleichzusetzen. Sie zeigt aber, dass die Folgen des Krieges nicht auf die besetzten ukrainischen Gebiete begrenzt bleiben. Schäden, Reparaturen, Produktionsausfälle und zusätzlicher Schutzbedarf können Ressourcen beanspruchen, die andernorts fehlen. Eine Armee benötigt nicht nur Waffen, sondern auch ein verlässlich funktionierendes wirtschaftliches und logistisches Hinterland.
Die Gegenstöße am Boden und die Angriffe auf weiter entfernte Anlagen verfolgen insofern eine verwandte Absicht: Russlands Möglichkeiten zur Fortsetzung des Krieges sollen eingeschränkt werden. Ihre Wirkungen dürfen dennoch nicht einfach addiert werden. Ein beschädigter Industriebetrieb ist kein zurückerobertes Dorf, und eine erfolgreiche Drohnenmission sagt noch nichts über die Stabilität eines Frontabschnitts aus.
Die Ukraine bleibt verwundbar
Zur vollständigen Lage gehört die anhaltende russische Fähigkeit, der Ukraine schwere Schäden zuzufügen. Am 12. September bezifferte die ukrainische Regierung die Schäden durch russische Luftangriffe an Infrastruktur und Anlagevermögen allein für 2026 auf nahezu zehn Milliarden US-Dollar. Zugleich belasten die Angriffe Exportmöglichkeiten und öffentliche Finanzen. Vor dem Winter bleiben der Schutz von Versorgungsanlagen und die Finanzierung des Krieges zentrale Herausforderungen.
Das begrenzt den Spielraum für neue Offensiven. Geländegewinne können die militärische Ausgangslage verbessern, ersetzen aber keine funktionierende Stromversorgung, keine Flugabwehr und keinen tragfähigen Staatshaushalt. Auch die Belastung der Bevölkerung verschwindet nicht mit einer günstigeren Frontmeldung. Wer aus ukrainischen Gegenstößen bereits eine Entscheidung des Krieges ableitet, blendet diese Verwundbarkeit aus.
Der Druck vor Verhandlungen
Am 12. September erklärte Kyrylo Budanow, der Leiter des ukrainischen Präsidialbüros, Kiew bereite sich auf mögliche neue Dreiergespräche mit Russland und den Vereinigten Staaten im Oktober vor. Moskau schloss eine Wiederaufnahme von Verhandlungen nicht aus, bestätigte aber weder Zeitpunkt noch Ort. Damit ist eine diplomatische Perspektive erkennbar, jedoch noch kein vereinbarter Verhandlungstermin.
In einer solchen Situation gewinnen militärische Erfolge eine zusätzliche politische Bedeutung. Kann die Ukraine zeigen, dass sie weiter Widerstand leisten und russische Planungen durchkreuzen kann, stärkt das ihr Argument gegen Zugeständnisse unter dem Eindruck einer unausweichlichen Niederlage. Umgekehrt können selbst beachtliche örtliche Erfolge die ungelösten territorialen Gegensätze nicht aus der Welt schaffen.
Die ukrainischen Gegenstöße haben damit eine wichtigere Frage aufgeworfen als die nach einem Rekord: Kann Kiew begrenzte Erfolge wiederholen, dauerhaft absichern und mit dem Schutz der übrigen Front verbinden? Erst dann entsteht aus einem taktischen Vorteil ein belastbarer strategischer Gewinn. Moskau hat Gründe, diese Möglichkeit ernst zu nehmen. Einen russischen Kollaps oder einen bereits entschiedenen Krieg belegt sie nicht.
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